Beschluss Solidaritätsschreiben Gülmen & Özakca

3. Juli 2017 | Von | Kategorie: Aktuelles, Pressemitteilungen & Positionen

Die hier veröffentlichte Solidaritätserklärung mit Nuriye Gülmen (Wissenschaftlerin und ehemalige Literaturdozentin) und Semih Özakça (suspendierter Grundschullehrer) ist exemplarisch für unsere Solidarität mit allen Menschen, die in der Türkei verfolgt, aus dem Erwerbsprozess ausgeschlossen oder gar inhaftiert worden sind und weiter werden:

SOLIDARITÄT MIT DEN ENTLASSENEN WISSENSCHAFTLER/INNEN UND LEHRKRÄFTEN IN DER TÜRKEI

Nachdem die türkische Regierung in Folge des gescheiterten Putschversuches vom 15. Juni 2016 die Entlassung u.a. tausender Lehrkräfte, WissenschaftlerInnen und AkademikerInnen veranlasste, verschlechterte sich die Situation in der Türkei rasant. Die aktuellen Vorgänge in der Türkei sind alarmierend.

Die massive Einschränkung der Pressefreiheit, die menschenunwürdigen Zustände in den Gefängnissen sowie Verstöße gegen die Versammlungsfreiheit auf öffentlichen Plätzen gehen einher mit staatlichem Druck und zunehmenden Repressalien.

Wer öffentlich Kritik am Regime äußert, muss mit Konsequenzen rechnen. Dies betrifft nicht nur PolitikerInnen, SchriftstellerInnen, JournalistInnen und Menschen-rechtsaktivistInnen, sondern auch Lehrkräfte und Wissenschaftler wie die beiden Gewerkschaftsmitglieder:

Nuriye Gülmen (Wissenschaftlerin und ehemalige Literaturdozentin) und Semih Özakça (suspendierter Grundschullehrer)

Nuriye Gülmen und Semih Özakça sind aktive Mitglieder unserer Schwester-gewerkschaft Eğitim Sen. Beide gehören zu den 8.000 WissenschaftlerInnen und 30.000 Lehrkräften, die unter dem Ausnahmezustand seit dem gescheiterten Putschversuch per Dekret ihre Arbeit verloren haben.

Seit dem 9. November protestiert die 34-jährige Nuriye Gülmen mit dem Appell „Ich will meine Arbeit zurück!“ gegen die Entlassung von AkademikerInnen. Im vermeintlichen Schutz der Frau aus Metall stehend, die in der universellen Erklärung der Menschenrechte liest, begann Nuriye Gülmen zunächst noch alleine ihre Protestaktion. Sie appellierte an die Öffentlichkeit, sich solidarisch zu zeigen und sich für die entlassenen ArbeitnehmerInnen einzusetzen.

Während dieser Zeit wurde Gülmen bereits 20mal festgenommen. Lehrkräfte, die sie unterstützten, wurden ebenso festgenommen und infolgedessen ihrer Schulen verwiesen. Trotz staatlichen Drucks und zunehmender Repressalien schloss sich der 27-jährige Grundschullehrer Semih Özakça Ende November 2016 Gülmens Protest an. Beide werfen der türkischen Polizei vor, bei weiteren Festnahmen brutal misshandelt worden zu sein.

Seit dem 9. März befinden sich beide im Hungerstreik. Ihr Zustand ist nach Angaben der Ärztekammer von Ankara lebensbedrohlich. Als die Polizei die Beiden Mitte Mai aufforderte, den Protest und Hungerstreik zu beenden, weigerten sie sich.

In der Nacht zum 22.05.2017 wurden die Wohnungen der nun seit über 90 Tagen hungerstreikenden AkademikerInnen gestürmt. Seitdem befinden sich nicht nur Gülmen und Özakça in Haft, sondern auch ihre Rechtsanwälte sowie die Ehefrau von Özakça. Gülmen und Özakça drohen 20 Jahre Haft.

Am 07.06.2017 berichtet der Arzt Dr. Benan Koyuncu der Presse, dass der Zustand beider akut sei und bei beiden GewerkschafterInnen Herzschwäche diagnostiziert wurde. Gülmen und Özakça werden unzureichend medizinisch versorgt, ihr Reaktionsvermögen nehme allmählich ab und sie leiden unter Lichtempfindlichkeit. Zudem erlitt Özakça bei seiner Festnahme eine Verletzung am Bein, die entzündete Wunde sei unzureichend behandelt worden und heile nur sehr langsam.

Bei einer Presseerklärung Mitte Mai 2017 gab die türkische Bildungsgewerkschaft bekannt, dass sich bisher 37 verzweifelte Lehrkräfte das Leben genommen haben. Der Niedersächsische Ausschuss für Migration, Diversität und Antidiskriminierung (NAMA) verurteilt das repressive Vorgehen der türkischen Regierung gegenüber Andersdenkenden und fordert alle DemokratInnen sowie GewerkschafterInnen auf, nicht zuzusehen, wie immer mehr unserer KollegInnen vom Erdoğan-Regime festgenommen oder mundtot gemacht werden. Die Bundesregierung muss allen politisch verfolgten Lehrkräften und WissenschaftlerInn Asyl gewähren und sich gegenüber der türkischen Regierung positionieren!

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